Gather up, Man up

 

 

“Gather Up, Man Up” ist die Gründungsveranstaltung der Neuen Männer*bewegung: Movement of contemporary Manliness, kurz: MOM. Die MOM Natives versammeln sich mit ihren Novices und untersuchen in einem Offline-Meeting die Rhetoriken und Praktiken aktueller, zumeist rechter Männlichkeiten: die Tränen der Sad Boys, den Ghost Status der Men Going Their Own Way (mgtow.com) sowie das radikale Potential herbivorer Männer. MOM fragt: Was muss aufgegeben werden, was zurückerobert? Wie lassen sich Männlichkeitsverständnisse jenseits biologischer Identität und Heteronormativität etablieren? Wie kann Männlichkeit ein Tool für Change werden? How can we become MOM?

Im Rahmen der Bloom up Residency hatten THE AGENCY und ihre Kollaborateur*innen Nile Koetting (Sound Designer, Performer), Taro Inamura (Dramaturg, Recherche Japan) und Kanako Azuma (Videokünstlerin) aus Tokyo die Möglichkeit, gemeinsam erste Ideen zu einer Neue Männerbewegung zu entwerfen, die im gegenwärtigen Klima jenseits identitätspolitischer Zuordnungen agiert und positives Identifikationspotenzial bietet.

Foto: Franz Kimmel

“Gather Up, Man Up” entstand als erstes Fragment des Werkzyklus Neue Männerbewegung im Rahmen der Bloom up Residency des Rodeo Festivals München. Unterstützt durch Rodeo Festival München, Goethe Institut München und Saison Foundation Tokyo.

mit

Nile Koetting, Fabian Stumm, Kanako Azuma, Dorian Fabini, Taro Inamura, THE AGENCY

Teil der Werkreihe MOVEMENTS

Neue Männer*bewegung

 

“Neue Männer*bewegung” ist ein thematischer Zyklus, der sich dem Zusammenhang von Maskulinität und rechtem Denken im post-digitalen Zeitalter widmet. Die Identität des weißen, heterosexuellen Mannes befindet sich angeblich in einer “Krise”: Er sei verunsichert und wütend angesichts der zunehmenden Infragestellung seiner Privilegien. Gleichzeitig erleben wir nicht nur in Europa und den USA das Erstarken extrem-rechten Gedankenguts, dessen Verbreitung vor allem männlich getragen ist und sich online in Foren und analog in Bewegungen und Parteien organisiert. Wenn wir mit dem US-amerikanischen Soziologen und Männlichkeitsforscher Michael Kimmel davon ausgehen, dass „ein bestimmtes Männlichkeitsverständnis bestimmte politische Einstellungen hervorbringt.“ (Kimmel, 2013) - ließen sich dann durch neue Verständnisse von Männlichkeit auch neue politische Einstellungen hervorbringen? Aus der Analyse dieser Zusammenhänge entstanden die Produktionen Gather up, Man up (2018), Boys Space (2019) und Take it like a Man (2019), die den digitalen und analogen Raum neu besetzen, um eine Gegenbewegung zu entwerfen: Eine Neue Männer*bewegung.

RESEARCH IN JAPAN

Unsere Recherche in Japan im Mai/Juni 2018 und in München im September/Oktober 2018, ermöglicht durch das Stipendium Bloom up vom Rodeo Festival und der Saison Foundation Tokyo, hat sich um das Phänomen Herbivore Männer gedreht. Mit diesem Begriff beschrieb die Soziologin Maki Fukasawa Mitte der Nullerjahre heterosexuelle Männer in ihren Mittzwanzigern bis Mittdreißigern, die nicht einer typischen Karriere, nicht der Rolle des Brotverdieners und Ehemannes nachgehen und - in den westlichen Medien sehr präsent - vielleicht sogar weniger oder keinen Sex mehr haben. Herbivor (= pfanzenfressend) ist buddhistisch assoziiert und wird mit Beschreibungen wie „friedliebend“, „edel“ und „eine höhere geistige Stufe erreichend“ verbunden. Bald wurde der Begriff unter japanischen Politikern zum Schimpfwort für eine Männergeneration, der man die niedrige Geburtenrate und den ökonomischen Untergang des japanischen Staates anlastete: Diese Männer erfüllten ihre Pflichten nicht, sie seien keine Männer, hieß es. Dieses Phänomen, das vollkommen leise vonstatten geht, ist unser Ausgangspunkt: Was passiert, wenn sich Männer wegbewegen von den Rollen, die ihnen Neoliberalismus und Patriarchat zuschreiben? Und was würde geschehen, wenn dieses Phänomen sich zu einer Bewegung entwickeln würde, die über Japan hinausgeht?

RESEARCH IN USA

Den stärksten Kontrast zu den Herbivoren Männern Japans bilden wahrscheinlich die US-amerikanischen Angry White Men, mit denen sich THE AGENCY im Rahmen des Arbeitstipendiums der Stadt München in einer Recherchereise im März/April 2019 auseinandersetzte. Zu den Angry White Men gehören verschiedene Phänomene wie die sogenannten Incels (Involuntary Celibats), deren Forderung nach einem männlichen Recht auf Sex auch die Legalisierung von Vergewaltigung beinhaltet oder die anti-feministischen “Men going their own way”, die sich durch einen “Sexodus” von einer vermeintlichen Weltherrschaft der Frauen befreien wollen. In Interviews mit Michael Kimmel (Angry White Men, 2013 oder Healing from Hate, 2018) und Arlie Russel Hochschild (Strangers in Their Own Land, 2016) ging THE AGENCY dem Komplex von männlichem Anspruchsdenken, einem vermeintlichen Privilegienverlust und überholten Heldenfiguren nach.

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